GEM in Kairo: Ein Tag für die Ewigkeit
... Im Süden der Stadt, die rund 30 Millionen Einwohner:innen zählt, wie viele genau, weiß niemand zu sagen, ist Ende Gelände. In Gizeh ist Schluss mit Wachstum, hier kommt Kairo an seine Grenzen, denn hier beginnt die Ewigkeit.
"Yalla! Wir haben viel vor heute!“, ruft Ahmed Abou El Ella, studierter Kunsthistoriker und unser Guide. Angesichts der Kulisse - vor uns von Weitem sichtbar: die großen Pyramiden von Gizeh - erscheint das „auf geht’s!“ von Ahmed weniger als Aufforderung, mehr wie eine Einladung, in die Ewigkeit einzutauchen. Mit dem Minibus fahren wir auf den neu asphaltierten Routen, passieren die Pyramiden von Chephren und Mykerinos, Kamel-Karawanen, die auf Tourist:innen warten, und auch – in einiger Entfernung - die berühmte Sphinx-Statue.
Ahmed nimmt auf unsere Sehnsüchte, Fotos von dieser eindrucksvollen Kulisse zu machen, keine Rücksicht. Vorerst. Denn er weiß: Alle ticken so wie wir. „Wir starten ganz hinten, da ist noch weniger los.“ Ahmed, der in Berlin gelebt und studiert hat, liegt nicht nur mit der Vermutung, dass wir dort fast allein sind, richtig, auch mit ganz hinten, hat er recht: Wir beginnen am Ende in der Geschichte, denn die größte der Pyramiden, die des Pharao Cheops, ist auch die älteste. Erbaut vermutlich in den Jahren 2.580 bis 2.560 vor Christus, überragt sie mit über 138 Metern Höhe heute – ursprünglich war sie ca. 146 Meter hoch - die Cephren-Pyramide knapp (ca. 136 Meter) und die Mykerinos-Pyramide (ca. 61 Meter) deutlich.
ALTE, IMMERWÄHRENDE WUNDER
Während einer Runde um die Cheops-Pyramide, die Seitenlängen messen 230 Meter, wird die bis heute unergründete und auch unerreichte architektonische Meisterleistung zwar sichtbar, aber dadurch nicht besser verständlich. Bis heute ist nicht geklärt, auf welche Weise diese ca. 2,3 Millionen Steine, die in dem Bauwerk verarbeitet wurden, aufgetürmt wurden, um, wie von den Pharaonen erwünscht, Denkmäler für die Ewigkeit zu werden.
Dass diese auch - der in der Menschheitsgeschichte leider oft erfolgreichen – Zerstörungswut trotzen, erklärt Ahmed, als wir uns der Mykerinos-Pyramide zuwenden: „Ein arabischer Herrscher sah im Mittelalter die Monumente als Baustoff-Lager und wollte sie daher abtragen lassen. Das Problem: Die Anlage erwies sich als äußerst widerstandsfähig. Für jeden entfernten Stein mussten mehrere andere bewegt werden. Der Aufwand verschlang enorme Summen und brachte nach Monaten kaum Fortschritte, sodass die Pläne wieder verworfen wurden.“ Die durch den Abbau einiger Steine noch heute sichtbare Scharte an einer Pyramidenseite ist Zeichen und Mahnmal, dass weder Geld, Fortschritt noch Vandalismus den 4.500 Jahren alten Bauwerken etwas anhaben können.
Die Erklärungen von Ahmed lassen unsere Begeisterung und Bewunderung für die Leistungen der alten Ägypter in noch größere Höhen schnellen. Einzig, als er die Sphinx von Gizeh als „den Sphinx“ vorstellt, zieht er ungläubige Blicke auf sich. Streng genommen hat Ahmed recht, denn das Fabelwesen mit dem Körper eines Löwen und dem Kopf eines Menschen stellt vermutlich den Pharao Cephren dar. Angesichts der riesigen Pyramiden erscheint die Statue ohne Nase fast zierlich - also vielleicht doch mehr wie „eine“ als „ein“ Sphinx.
DAS NEUE WELTWUNDER GEM
Weit entfernt von zierlich ist der Monumentalbau des GEM – Grand Egyptian Museum -, das über einen knapp zwei Kilometer langen Fußgängerpfad direkt von den Pyramiden zu erreichen ist. Superlative ziehen sich durch die Beschreibungen: 800 Meter breit, bis zu 17 Meter hoch ist die Fassade, die aus Alabaster, Glas und Beton gearbeitet wurde, die Eingänge sind in Pyramidenform gehalten – ein Merkmal, das sich durch das gesamte Bauwerk zieht. Auch die Bauzeit des größten Archäologiemuseums der Welt erinnert an die alten Zeiten: 20 Jahre dauerte es bis zur endgültigen Fertigstellung im November 2025. Etwa ebenso lange wie der Bau der Cheops Pyramide...
Gut Ding braucht offenbar Weile, denn das Ergebnis ist sensationell gut gelungen. Das für ein Museum ungewohnt hohe und großzügige Atrium mit der rund 3.200 Jahre alten Statue von Ramses II, die im 19. Jahrhundert entdeckt worden war und über Jahrzehnte vor dem Hauptbahnhof in Kairo stand, zieht die Besucher:innen sofort in den Bann der Ewigkeit. Ahmed, wohl wissend, dass das gigantische Ausmaß an Schätzen, die auf gut 80.000 m² Ausstellungsfläche verteilt sind, niemals in einem Tag – weder optisch noch logistisch noch inhaltlich - bewältigbar ist, führt uns, untermalt mit vielen spannenden Geschichten, auf kurzen Wegen durch die Themenbereiche Gesellschaft, Glauben und Königtum, um uns einen bestmöglichen Überblick zu geben.
UNBEDEUTENDER KÖNIG, ÜBERWÄLTIGENDE SCHÄTZE

Wir starten an der berühmten Sonnenbarke, die 1954 nahezu unversehrt in unmittelbarer Nähe der Cheops Pyramide entdeckt wurde. Wissenschafter mutmaßen, dass sie gebaut wurde, um den Pharao ins Jenseits zu geleiten.
Danach begeben wir uns über die monumentale Haupttreppe, die von 87 Statuen und Artefakten aus verschiedenen Epochen gesäumt ist, zum Herzstück und der Hauptattraktion des GEM: der Sammlung von Tutanchamun, mit über 5.300 Ausstellungsstücken.
Ahmed scheint jedes zu kennen. Bei jedem zweiten ruft er begeistert: „Ist das schön? Es gibt noch Schöneres, vertraut mir!“ Und er hat recht: Die Stücke, von Flip-Flop-ähnlichen Schuhen, über Schmuckstücke, Streitwagen bis hin zu den drei ineinander geschachtelten Särgen, einer aus über 100 Kilogramm Gold, werden stets beeindruckender. „Und das alles“, gibt Ahmed zu bedenken, „für einen völlig unbedeutenden Pharao, der nur wenige Jahre als Kind auf seinem Thron saß.“
Wir nähern uns dem Publikumsmagneten der Ausstellung, wie an der immer größer werdenden Anzahl an Besucher:innen deutlich wird. In einer schier endlosen, schneckenförmigen Schlange schieben wir uns zu Tutanchamuns Totenmaske vor, wo jedem von uns ein kurzer Blick in die Augen, die, wie bei Mona Lisa im Louvre, den eigenen folgen, vergönnt ist. Magisch. Ebenso magisch ist der Blick aus den Fenstern des GEM – die großen Pyramiden immer vor unseren Augen.
Als wir das Museum verlassen, hat sich bereits die Nacht über das Museum gesenkt. Was für ein Tag in der Ewigkeit! Die Stadt rund um uns pulsiert weiter, geschäftiges, nicht enden wollendes Treiben in den Straßen von Kairo. Auch das bleibt wohl für immer so.
KOMPAKT
Anreise nach Kairo: täglich mit Egypt Air; Flüge auch mit Austrian Airlines
Zeitverschiebung: MESZ +1 Stunde
Beste Reisezeit: Ganzjahresdestination, in den Sommermonaten heiß
Sehenswürdigkeiten:
Pyramiden von Gizeh
Basar Khan el-KhaliIi
Altes Ägyptisches Museum am Tahrir-Platz
Alabaster-Moschee
Grand Egyptian Museum (GEM): Das GEM gilt seit seiner Öffnung im Herbst 2025 als absoluter Publikumshit, mit anfangs bis zu 20.000 Besucher:innen pro Tag. Die Höchstzahl wurde später auf 16.000 tägliche Gäste begrenzt. Dennoch sind bei einem Besuch Geduld und Rücksichtnahme zwei nützliche Wesenszüge. Eintritt: verschiedene Optionen ab ca. 24 EUR pro Erwachsenem; Kinder (ab 6 Jahren): ca. 12 EUR Öffnungszeiten: täglich 08:30 bis 22:00 Uhr
Tipps: Tickets unbedingt online vorreservieren oder im Pauschalreisepaket mitbuchen Eintrittszeit früh wählen Wenn möglich, zwei Tage für das Museum einplanen. Ein geschichtskundiger Guide ist sehr zu empfehlen.
Die Reise nach Kairo und zum GEM erfolgte mit Botros Tours, Spezialist für Reisen nach Ägypten. Mehr Infos: www.botrostours.at










